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Neue Frisuren für Flüchtlinge

Südkurier, 06.12.2016, Christina Nack

An diesem zweiten Adventssonntag herrscht Partystimmung im Friseursalon J 7 Hairstyling in der Bickenstraße. Rund 20 Flüchtlingsfrauen genießen es, kostenlos und liebevoll frisiert zu werden. Und sie genießen die unbeschwerte Geselligkeit in geschütztem Rahmen. Die Idee zu diesem vorweihnachtlichen Geschenk hatten Saloninhaberin Julia Harzer und ihre Freundin Sandra Sorgatz, Kosmetikerin aus Schwenningen; die Flüchtlingshilfeorganisation Refugio vermittelte das Angebot.

"Wir wollen auch einen Beitrag für diese Menschen mit ihrem schweren Schicksal leisten und da wir nicht für Deutschunterricht qualifiziert sind, bieten wir eben das an, was wir können." So begründet Friseurmeisterin Harzer die Initiative, die bestens bei den Frauen und ihren Töchtern ankommt. Waschen, Schneiden, Legen respektive Föhnen heißt das Standardprogramm für die ausnahmslos wunderschönen, langen, pechschwarzen (nicht gefärbten) Haare, die normalerweise unter einem Kopftuch verborgen werden. "Die Haare sind toll, sie haben eine ganz andere Struktur als unsere, sind kräftiger und wachsen länger", schwärmt Julia Harzer, die mit ihren Mitarbeiterinnen an diesem Nachmittag unermüdlich Frauen- und Mädchenköpfe bearbeitet. Die Stimmung ist locker und fröhlich, es wird viel gekichert und gelacht, die Frauen bewundern gegenseitig die optischen Veränderungen. Die meisten lassen sich nur die Spitzen schneiden, wer von Natur aus lockiges Haar hat, will es meist geglättet haben, jene mit glatten Haaren wünschen sich Locken. "Man will immer das, was man selbst nicht hat", stellt Julia Harzer lächelnd fest.

Die Besucherinnen werden zudem mit einer Tasse Kaffee oder Tee, mit Weihnachtsgebäck und Kuchen verwöhnt – der behagliche, intime Styling-Nachmittag hat den Charakter eines kleinen Fests. Die meisten Frauen stammen aus dem Kosovo und aus Syrien, erzählt Simone Pestre, die bei Refugio für Integrationshilfe zuständig ist. Manche Asylbewerberinnen sind schon seit zwei bis drei Jahren in Villingen-Schwenningen und leben in eigenen Wohnungen, andere sind erst seit wenigen Wochen in Deutschland und in Sammelunterkünften untergebracht. Die Verschönerungsaktion ist auch eine willkommene Gelegenheit, einander näher kennenzulernen. "Alle haben schwere Zeiten hinter sich", konstatiert die Refugio-Mitarbeiterin. "Das lockere, unkomplizierte Zusammensein tut ihnen gut." Wichtig sei, dass die Musliminnen keinen fremden Blicken – schon gar nicht von Männern – ausgesetzt sind. "Deshalb findet die Aktion an einem Sonntag statt, wenn es keine Laufkundschaft gibt."

Die neuen Frisuren werden nur die Frauen selbst und nur in geschützten Räumen sehen. Bevor sie und ihre Töchter den Salon verlassen, werden sie wieder die gewohnten Kopftücher über ihre Haare binden. Das sei überhaupt nicht schade, das müsse so sein, antwortet die 15-jährige Melinate auf die Frage, ob sie sich in der Öffentlichkeit nicht lieber ohne Tuch zeigen würde. Weil ihre Mütter, Tanten und Großmütter nur wenig oder gar kein Deutsch sprechen, fungieren die Jugendlichen als Dolmetscher. "Wenn Männer da sind, tragen wir auch im Haus Kopftücher", übersetzt die zwölfjährige Kamar den Kommentar ihrer Oma. "Die Haare sollen für uns selbst schön sein. Danke schön, dass die Frauen hier das für uns machen. Danke schön an Refugio, dass sie uns hierher gebracht haben."

Kuchen als Dankeschön
Seit fast fünf Jahren leitet Julia Harzer den Friseursalon J 7 in der Bickenstraße, im vergangenen Jahr wurden erstmals Flüchtlingsfrauen kostenlos frisiert und kosmetisch verwöhnt. Bereits bei dieser Premiere sei die Resonanz gut gewesen und die Dankbarkeit der Frauen berührend. Sie überraschten das Team mit selbst gebackenem Kuchen.

Bild: Zwanglose Geselligkeit im Haar-Salon: Nina Weber und Jasmin Nestmann (links) beim Frisieren von Flüchtlingsfrauen. Bild: Christina Nack

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